Pädagogische Präsenz

In unserer Arbeit bedienen wir uns der Pädagogischen Präsenz als methodisches Modell.

 

In Deutschland bisher in dieser Form wohl einmalig ist die Schulung der gesamten Mitarbeiterschaft einer Jugendhilfeeinrichtung im Ansatz der Pädagogischen Präsenz und des gewaltlosen Widerstands von Haim Omer und Arist v. Schlippe. In zwei jeweils mehrtägigen Seminaren wurden alle Mitarbeiter vom Hausmeister, den Hauswirtschaftskräften, den Verwaltungsangestellten, den Pädagogen bis hin zu den Bereichsleitern und dem Heimleiter mit dem Modell vertraut gemacht. Vorbereitet und durchgeführt wurden die Schulungen von Ilke Crone (Dipl.-Psychologin, Lehrtherapeutin, Lehrsupervisorin) und dem Psychologischen Dienst der Jugendhilfe Marienhausen, Karlfried Heinz und Sabine Klima.

 

H. Omer und A. v. Schlippe entwickelten basierend auf der Idee des gewaltfreien Widerstandes von Mahatma Ghandi und Martin Luther King ein Coaching für Eltern, welches helfen soll, dem gewalttätigen und selbstdestruktiven Verhalten ihrer Kinder nicht mehr hilflos gegenüberzustehen. Dazu zählen Verhaltensweisen wie Provokationen, Wutausbrüche, riskante und selbstzerstörerische Akte, Gewalt gegen andere, sich selbst und Gegenstände, Schulabbruch, Schulschwänzen.

 

Destruktives Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen führt aber nicht nur bei Eltern, sondern auch bei PädagogInnen nicht selten zu Hilflosigkeit und dem Verlust der eigenen professionellen Präsenz. Ziel des Ansatzes von H. Omer und A. v. Schlippe ist der Aufbau oder die Wiederherstellung einer entwicklungsfördernden, guten Beziehung zwischen Kindern und Pädagogen. Die Autorität, die dadurch erreicht wird, basiert nicht auf Macht und Überlegenheit, sondern darauf, entschlossen für die Kinder „da“ zu sein, in ihrem Leben – wenn auch auf Zeit – präsent zu sein.

 

Das Modell der Pädagogischen Präsenz und des Gewaltlosen Widerstands in der Erziehung ist mehr eine Frage der inneren Haltung als einer Reihe verschiedenster Interventionen. Es soll dazu beitragen, die professionellen Pädagogen zu befähigen, dem destruktiven Verhalten der Kinder und Jugendlichen Grenzen zu setzen, ohne sich in eine Eskalation (Machtkampf) hinein ziehen zu lassen oder resignativ nachzugeben. Grundlegend ist der absolute Verzicht der Erwachsenen auf jede Form von Gewalt, Macht, Dominanz und Strafen. Dabei erkennt der Pädagoge vorbehaltlos an, dass er das Kind nicht vollständig kontrollieren kann und soll. Er erkennt aber auch an, dass er alles in seiner Kraft Stehende tun kann und darf, damit destruktive Verhaltensweisen nicht mehr auftreten.

 

Eine der Grundhaltungen des gewaltlosen Widerstandes besteht in der ausdrücklichen Trennung von Person und Verhalten, der Widerstand richtet sich gegen ein bestimmtes Verhalten, durch begleitende Beziehungsgesten wird das Kind als Person und Persönlichkeit wertgeschätzt. Von klassischen Belohnungen unterscheiden sie sich, dass sie unabhängig von einem bestimmten Verhalten des Kindes ausschließlich aus dem inneren Bedürfnis des Erwachsenen heraus erfolgen, dem Kind zu zeigen, wie wichtig es ihm ist. Das können Lieblingsspeisen, kleine Geschenke, gemeinsame Aktivitäten oder Reparaturen an Gegenständen sein, die das Kind zerstört hat.

 

Gewaltloser Widerstand vermittelt an die betroffenen Kinder und Jugendliche eine Botschaft von Ausdauer:

• Wir sind für dich da

• Wir bleiben da

• Wir können dich nicht verändern, sondern nur uns und unser Verhalten

• Bist du nicht bereit, dein Verhalten zu ändern, werden wir alles tun, um zu verhindern, dass der Machtmissbrauch weitergeht.

• Ich kämpfe um dich und meine Beziehung zu dir – nicht gegen dich.

 

Der Fokus der Veränderung liegt also in erster Linie auf den Pädagogen selbst, im Unterschied zu verschiedenen andereren Erziehungskonzepten, die eine unmittelbare Verhaltensänderung auf Seiten der Kinder „erwarten“.

 

Gewaltloser Widerstand gegen ein konkretes destruktives Verhalten wirkt umso kraftvoller, je mehr er durch Unterstützer von außen mitgetragen wird. Es werden daher möglichst viele relevante Menschen informiert und eingeladen, den Widerstand der Pädagogen zu begleiten und zu unterstützen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt „Um ein Kind zu erziehen, bedarf es eines ganzen Dorfes“. Aus diesem Grunde erfolgte die Schulung aller MitarbeiterInnen, um das Modell der Pädagogischen Präsenz und des Gewaltfreien Widerstands, seine Grundhaltungen und Methoden mit allen in der Einrichtung mitzutragen.

 

In den seit Juni 2007 stattfindenden Coachingprozessen werden die Teams der stationären Wohngruppen und der Tagesgruppen durch Ilke Crone, Karlfried Heinz und Sabine Klima darin unterstützt, konkrete Handlungsschritte für den Umgang mit Krisen und problematischen Verhaltensweisen bestimmter Kinder und Jugendlicher zu entwerfen und umzusetzen.

 

Literatur:

Crone, I. Handbuch – Präsenz für Profis

Omer, H. / v. Schlippe, A.: Autorität ohne Gewalt, 2002

Omer, H. / v. Schlippe, A.: Autorität durch Beziehung, 2004

Omer, H. / Alon / v. Schlippe, A.: Feindbilder – Psychologie der Dämonisierung, 2007

 

Links:

www.i-crone.de

www.if-weinheim.de

www.ahimsa-os.de

www.praxis-lemme.de